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Jazzzeitung
2010/01 ::: seite 15
rezensionen
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Ralph Sutton
In Copenhagen
Storyville
Diese Aufnahmen, die Sutton 1977 in sechs verschiedenen Besetzungen
vom Solo zum Septett aufnahm, sollten sich junge Pianisten wie ein griffbereites
Handbuch des Swingens zulegen! Warum wird Ralph Sutton oft vergessen,
wenn von den großen Pianisten des Jazz die Rede ist? Wer als Schüler
gilt, nicht als schulemachender Lehrer, wird von Spezialisten geehrt,
von den Historikern aber nicht kanonisiert. 1922, im gleichen Jahr wie
etwa Jaki Byard geboren, legte er sich auf eine Ästhetik fest, deren
Hochblüte während seiner Kindheit war, als wirklich das zweihändige
Spiel der Stride-Professoren aus den Harlemer Kneipen hallte oder auch
schon das etwas modernere Trumpet Piano Earl Hines’ unbeirrt weiter
neue Wege über die Tasten suchte, wenn die Chicagoer Gangster ihre
Colts zückten. Dass auch „Fatha“ (Earl Hines), nicht
nur Fats und James P. auf ihn wirkten, hört man bei diesem Repertoire:
typische Swing-, aber nicht ausgesprochene Stride-Stücke. Allenthalben
hört man seine kraftvoll zupackende Linke (ja, man muss ihn unwillkürlich
anpreisen wie einen Preisboxer), doch da gibt es auch solistisch präsentierte
lyrische Kleinode wie Bix’ „In The Dark“ – so
innig gespielt, dass man gerührt lauscht, als hätte man sie
nie zuvor gehört. Die meisten Aufnahmen stammen aus „Ralph
Sutton Quartet“. Dessen Alternate Takes wurden ersetzt durch Stücke
aus „Together Again“, die Sutton in glänzender Spiellaune
mit dem aufgekratzten Jesper Thilo und Wild Bill Davison zeigen.
Rolf Kühn
feat. Klaus Doldinger
MPS
Ein ansprechender Kontrast – zum einen die luftige, in vogelflugartiger
Leichtigkeit aufschwingende Klarinette Rolf Kühns, auf unaufdringliche
Weise virtuos und fast cool, doch mit jener milden Wärme, die sein
Spiel so menschlich macht. Zum anderen das ultrahocherhitzte Tenorsaxophon
Klaus Doldingers, so kraftvoll swingend, dass man vermeint, einen packenden
schwarzen New Yorker Tenoristen zu hören. Als sie sich 1962 trafen,
hatte der Rückkehrer Kühn in den Staaten Lorbeeren als einer
der führenden modernen Klarinettisten ernten können. Doldinger,
lange Amateur (selbst Dixie-Klarinettist), war schon der hotteste deutsche
Tenorist weit und breit. Wie einen „Lockjaw“ Davis oder Turrentine
inspirierte ihn das Spiel mit einem Organisten. Sein Organist Ingfried
Hofmann, den er zur Session mitbrachte, bildete mit den Holländern
Herman Schonderwalt (b) und Cees See (d) eine ausgezeichnete Ryhthmusgruppe.
Die Klarinette verleiht dem vertrauten Orgel-Tenor-Sound eine überraschende
Würze. An Stelle zu erwartender amerikanischer Standards oder Blues
treten vergessene, doch zum fröhlichen Losgrooven animierende Orginals
aus den Federn von Größen wie Erwin Lehn oder Rolf-Hans Müller.
Was für ein swingendes Vergnügen! Und welche Freude zu wissen,
dass die beiden Bläser heute noch ungebrochen kreativ sind. Zugleich
lassen in der Rolf Kühn Anniversary Edition fünf weitere Alben
Kühns Vielseitigkeit zwischen Mainstream, Free und Fusion nachhören.
Tete Montoliu
Songs For Love
Enja
Virtuosen unter den Solopianisten können mit ihren 10 Fingern und
88 Tasten nahezu alles. Doch mit langsamen Balladen zu rühren, gehört
oft nicht dazu. Mit einem Wasserfall unendlicher Tontropfen trachten
sie zu verdecken, dass sie keinen einzelnen Ton halten können und
vom Klangspektrum eines zweitklassigen Saxophonisten können selbst
die mit der differenziertesten Anschlagskultur nur träumen. Es gibt
Ausnahmen, in der gegenwärtigen Saison etwa Keith Jarretts „Testament“ oder
Marc Coplands „Alone“. Auf der Suche nach Solo-Alben, die
mich danach nicht enttäuschen, greife ich zu diesem, das der größte
Jazzmusiker Spaniens am 25. September 1971 in München aufnahm und
seinerzeit vom unvergessenen Klaus Weiss produziert wurde. Enja gibt
im Reissue versehentlich 1974 an. Eingestanden, die erhoffte Rührung
stellt sich nicht ein, auch nicht bei Stücken, die an die Nieren
gehen könnten, wie „Autumn In New York“ oder „Django“.
Und doch ist jeder an seiner Unzufriedenheit selbst schuld, wenn er in
Erwartung eines Rotweins Champagner trinkt. Und als Champagner ist Montoliu
vollkommen. Dieses Album vibriert in Verzückung, Erregung, Begeisterung,
ja, Erhebung. Mit rückhaltloser Ausschöpfung pianistischer
Fertigkeiten und blühender Phantasie schlägt Montoliu, keinen
Deut weniger Virtuose als Peterson oder Solal, von der ersten zur letzten
Sekunde in seinen Bann. Und so ist es doch eines der packendsten Soloalben
des Jazz.
The Rhythmic Eight
48 – Of The Best – 48: 1927-1930
Retrieval
Der britische Bandleader und Geiger Bert Firman, Spross der Musikerfamilie
Feuerman (und als solcher unfreiwilliger Musiker, wollte er doch Arzt
werden), war in den 20ern beim Label Zonophone für leichte Musik
verantwortlich. Unter all den Formationen, hinter denen er leitend steckte
(darunter „Carlton Hotel Dance Orchestra“, „Cabaret
Novelty Orchestra“, „Devonshire Restaurant Dance Band“)
boten „The Rhyhthmic Eight“ Jazzfreunden die hotteste Musik.
Er hatte das Glück, nicht auf den einzelnen Penny schauen zu müssen,
wenn es darum ging, gute Jazz-Solisten aus den großen Tanzorchestern
anzuheuern, deren improvisatorische Vitalität dort eher zurückgehalten
wurde. So engagierte er nicht nur beachtliche Briten, etwa den Saxophonisten
und Arrangeur Arthur Lally, sondern stellte auch begehrte amerikanische
Sidemen wie die Trompeter Frank Guarante und Sylvester Ahola oder den
Klarinettisten Danny Polo heraus. Sie setzten den 48 ausgewählten
Stücken Glanzlichter auf (Der Titel „48 of the best 48“ sollte
wohl vielleicht „48 of the best 78“ heißen, handelt
es sich doch um Schellackaufnahmen.) Angelehnt an den New York Style
eines Red Nichols und an die Gruppen Trumbauers mit Beiderbecke, an die
dessen Freund Ahola erinnert, boten die „Rhythmic Eight“ Firmans,
der übrigens oft gar nicht mitwirkte, zeitweise nicht einmal organisatorisch,
beschwingte Hot Dance Music, die einen Tick „kommerzieller“ war,
als die der weißen amerikanischen Idole.
Quincy Jones
Explores the music of Henry Mancini
Mercury/Verve
Zugegeben: das ist ein durch und durch kommerzielles Album. Ein erfolgreicher
Filmkomponist mit Jazzbackground verbeugt sich vor einem anderen Hollywood-Filmkomponisten.
Ein Album, das vor Hits strotzt, die der Mann von der Straße, selbst
wenn er Jazz hassen sollte, gerne mitpfeift, vom unverschämt fröhlichen „Baby
Elephant Walk“ zum vielgeplagten „Moon River“. Und
doch ist es ein Album, das auch einem Puristen ans Herz wachsen kann,
wenn dieses nicht von übermäßiger Anbetung der reinen
Lehre des Jazz verstockt ist. Auf der einen Seite besticht die bei Jones
vorauszusetzende, über handwerkliche Perfektion hinausgehende, umfassende
technische Beherrschung des Orchesters. Die Arrangements warten da mit
so vielen Kunstgriffen und witzigen Details auf, dass man aufhorcht. Überall
scheint die Maxime, „wie kann man es anders machen?“ Früchte
getragen zu haben: So lässt Jones bei der Einleitung zum rosaroten
Panther überraschenderweise den Bassisten Major Holley das berühmte
Motiv brummen. Und dann ist Quincy Jones im Februar 1964 ja im Grunde
seines Herzens ein Jazzer, der die Möglichkeit hat, die allerbesten
Sidemen anzuheuern. Dass da Meister wie Clark Terry, Phil Woods und Zoot
Sims im Orchester sitzen, dass da auch ein Roland „Rahsaan“ Kirk
seine alles andere als stromlinienförmigen Chorusse durch so kreuzbrave
Songs wie „(I Love You) And Don’t You Forget It“ jagen
darf, das gehört zu den vielen Freuden, die das Album beschert.
Marcus A. Woelfle
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