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 2001/03

 seite 9
 jubilee

 

Inhaltsverzeichnis Jazzzeitung 02/2001


Inhalt 2001/03

standards
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Glossar: Quartette

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Triocolor mit „Colours of Ghana“
10-jähriges Jubiläum im Neuburger Birdland
Dusko Goykovich-Quintett im Jazzstudio Nürnberg

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Nils Landgren soll das Jazzfest Berlin neu erfinden
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Drummer Paul Motian wird siebzig
Die Münchener Kultur-Agentur Triptychon
25 Jahre Jazzzeitung

play back.
Friedrich Guldas Vermächtnis auf einer DVD
CD-Anthologie mit Free Jazz aus der DDR

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Keine zwei Welten.
Auch Kinder sind für Jazz empfänglich

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Vereine sind auch nur Menschen. 10 Jahre Landesarbeitsgemeinschaft Jazz in Bayern
Wichtige Ziele erreicht.
Wie funktioniert eigentlich Jazzförderung in Bayern?
Service: Die Feierlichkeiten

medien/service
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Rezensionen 2001/03
Service-Pack 2001/03 als pdf-Datei ( Clubadressen, Kalender, Jazz in Radio & TV Jazz in Bayern und anderswo (223 kb))

 

Unermüdlicher neuerer

Drummer Paul Motian wird siebzig

In seiner Biografie konzentriert sich en miniature die Geschichte des modernen Jazz: Paul Motian ist am 25. März 1931 in Providence, Rhode Island (USA) geboren. Er war maßgeblich an der Entwicklung und Erfindung von Richtung weisenden Konzepten beteiligt, und mit 70 Jahren gehört der Schlagzeuger immer noch zu den unermüdlichen Erneuerern improvisierter Musik.

Nachdem er 1955 in New York zufällig bei einem Konzert der Thelonius Monk Band einsteigen konnte, weil deren Schlagzeuger Art Taylor nicht erschienen war, ist Paul Motian fast immer an der Seite von Jazzrevolutionären gewesen. Zunächst, zusammen mit Bassist Scott La Faro, beim legendären Trio des Pianisten Bill Evans (1959 bis 1964). Hier behauptete Paul Motian die Individualität für Schlagzeuger nicht nur stilistisch, sondern vor allem als gleichberechtigter Partner.

Avantgardist, der auch gerne mal Songs der Piaf spielt. Foto: ECM

Charakteristisch für seinen Personalstil ist bis heute die Fragmentierung des rhythmischen Zeitkontinuums. Nicht mit ständig präsentem Beat, sondern mit Akzenten in einer pulsierenden Gesamtbewegung bestimmte Paul Motian die Rolle des Schlagzeugers neu. Der Swing veränderte sich somit von einer festen äußerlichen zu einer innerlich flexiblen Größe. Introvertiert blieb auch sein Spiel, im Unterschied zu manch spektakulärem Aktionismus einiger Kollegen. Für Paul Motian ist die Dosierung der Klänge wichtiger. Er entwickelte sich zum Poeten am Schlagzeug, für den Impulse zur richtigen Zeit, auch im Sinne melodischer Qualitäten, wesentlich sind. Auch und gerade wenn diese Impulse asymmetrisch zum Verlauf der Komposition waren und sind.

Mit Keith Jarrett am Piano und Charlie Haden am Bass bildete er 1967 bis 1976 erneut ein Trio, dessen Musik poetische Expressivität und freie Interaktionen kultivierte. Das linke politische Engagement Charlie Haden’s unterstützte Paul Motian insofern, als er an den großartigen Aufnahmen des Liberation Music Orchestra beteiligt war und insbesondere 1982 an den „Ballads Of The Fallen“. Die Komponistin und Arrangeurin Carla Bley verpflichtete ihn für das Stilgrenzen überwindende Oratorium „Escalator Over The Hill“ und für andere BigBand-Projekte.
Ab den 80er-Jahren verbreitete sich sein guter Ruf auch als Bandleader und Talentförderer. Zunächst erkundete er mit dem Gitarristen Bill Frisell und dem Saxophonisten Joe Lovano weitere Facetten, Musik als spontanen Prozess zu gestalten. Parallel schaute Paul Motian sich um und fand, dass die Geschichte des Jazz noch nicht abgeerntet ist. Die Gründung der Electric Bebop Band führte zur modifizierten Aneignung und Verarbeitung dieses Stils. Je zwei Gitarristen und Saxophonisten schleifen zusammen mit Steve Swallow am Bass einen bisher ungehörten Sound heraus.

In der Jazztradition gab und gibt es so genannte Standards, Bearbeitungen populärer Stücke in diversen Stilen. Auch wenn solche Einspielungen nur widerwillig den Beifall von Puristen bekommen, so haben doch alle bedeutenden Jazzer Popfavoriten gehabt. Für Paul Motian’s jüngstes Projekt, das Trio „Tethered Moon“, hat der Pianist Masabumi Kikuchi 9 Chansons von Edith Piaf ausgewählt. Zusammen mit dem Grandseigneur emanzipierter Basskultur Gary Peacock pflegen die Musiker einen liebevollen Umgang mit diesen Liedern einer melancholischen Bohéme. Ob sie die Melodie zu „L’accordéoniste“ aus Assoziationen entstehen lassen oder Piano und Bass unisono „Sous le ciel de Paris“ intonieren, um dann kollektiv die Gedanken zu festigen: Die Interpretationen vollziehen sich als unwiederholbare Eingebungen von Augenblicken, in denen die Musiker mit Respekt und Bewunderung dieser Chansons gedenken. Mit gleichem Respekt ist Paul Motian zu gratulieren, dass er als Persönlichkeit wie als Schlagzeuger den Wachstumsprozess noch nicht abgeschlossen hat.

Hans-Dieter Grünefeld

CD-Tipps

  • Bill Evans: How My Heart Sings! (1962, dig. rem.) VICJ-60373, In-Akustik
  • Paul Motian: It Should’ve Happened A Long Time Ago (1984, mit B. Frisell und Joe Lovano) ECM 1283, Universal
  • Paul Motian Trio + One (1997, mit Steve Swallow, Larry Grenadier und Masabumi Kikuchi) Winter & Winter 910 032-2, edel contraire
  • Paul Motian & Electric Bebop Band: Play Monk and Powell (1998, mit Kurt Rosenwinkel, Steve Cardenas, Chris Potter, Steve Swallow) Winter & Winter 910 045-2, edel contraire
  • Tethered Moon: Chansons d’Edith Piaf (1999, mit Gary Peacock und Masabumi Kikuchi) Winter & Winter 910 048-2, edel contraire

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