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George E. Lewis: A Power Stronger Than Itself - The AACM and American Experimental Music, The University of Chicago Press, 676 Seiten 1961 gründete der Pianist Richard Abrams in Chicago die Experimental
Band, ein größeres, Free Jazz-beeinflusstes Ensemble, das
nur eigene Stücke spielte (u.a. von Abrams, Roscoe Mitchell und
Joseph Jarman). 1965 riefen dann Abrams, Jody Christian, Steve McCall
und Phil Cohran zusammen mit anderen die AACM (Association for the Advancement
of Creative Musicians) ins Leben, als Musikkollektiv und zugleich Selbsthilfeorganisation
mit starkem politischen Selbstbewusstsein. Im selben Jahr erste Konzerte
und erste LP (Roscoe Mitchells „Sound“/DELMARK). Charakteristische
Merkmale dieser neuen Form von Jazz: eine Vielzahl von Klang- Der Posaunist George Lewis, seit 1971 selbst Mitglied der AACM, hat einen umfangreichen Bericht mit zahlreichen Interviews und seltenen Fotos geschrieben, der eine gute Grundlage für weitere Untersuchungen, vor allem über die Zeit nach 1990, bietet. Die vielen Lebensläufe von zum Teil bei uns völlig unbekannten Musikern (daher sehr interessant) hätte der Autor allerdings besser in einem eigenen Abschnitt des Buches zusammengefasst. Und es fehlt leider eine komprimierte Diskografie. Trotzdem sehr lesenswert. Ben Ratcliff: The Jazz Ear - Conversations Over Music, Time Books/Henry Holt and Company, LLC, 236 Seiten Aus zwei Gründen ist diese Sammlung von Interviews besonders bemerkenswert. Erstens, weil die Befragten nicht über ihre eigene Musik sprechen, sondern über die anderer, die sie selbst ausgewählt haben. Zweitens weil der Autor, seit 1996 Jazzkritiker der New York Times, 13 Musiker (darunter Bebo Valdés, Vater des Irakere-Pianisten Chucho Valdes, und den Argentinier Guillermo Klein) sowie Maria Schneider und Dianne Reeves ausgewählt hat, die alle viel zu sagen haben. Allein die Kapitel mit Sonny Rollins (der mit einem Fats Waller-Titel beginnt), Ornette Coleman, Bob Brookmeyer (dessen Bandbreite von Count Basie bis Witold Lutoslawski reicht), Roy Haynes und Paul Motian (der bis auf Baby Dodds zurückgeht) sind schon den Kauf des Buches wert. Eine sehr anregende Lektüre. Barry Kernfeld (Herausgeber): The New Grove Dictionary of Jazz/Second Edition (2002), MacMillan Publ. Ltd. London, Grove Dictionary Inc. New York, drei Bände mit zusammen 2.935 Seiten Wer in irgendeinem der Medien fachgerecht und gründlich informiert über den Jazz arbeiten will, braucht dieses Werk, das umfangreichste Jazzlexikon der Welt. Eigene Einträge haben nicht nur Musiker, Sänger, Arrangeure, Bandleader, manche Bands und sogar einige Tänzer, sondern auch Plattenfirmen, Instrumente, Kritiker, Veranstalter, Fachbegriffe u.a. mehr. Ferner gibt es ausführliche Aufsätze etwa zu Blues, Tanz, Festivals, Film, Harmonik, Jazzgeschichte, Improvisation, Archive, Clubs und Aufnahmetechnik. Dazu eine Bibliografie und einen Kalender mit allen Geburts- und Todesdaten. Viele Fotos und eine Reihe von Notenbeispielen ergänzen den Text noch. Liefert mir das aber nicht alles heutzutage auch das Internet? Erstens brauche ich dazu aber einen Computer. Zweitens dürfte vieles nur schwer oder gar nicht zu finden sein. Drittens habe ich das Problem der Anonymität. Beim „Grove“ ist der Autor jedes Textbeitrags angegeben. Und ich kann sicher sein, dass der Inhalt nicht plötzlich durch irgendjemanden verändert wurde. Obendrein liest sich ein Buch leichter und verschafft schneller Bezüge zwischen verschiedenen Stellen als eine Schriftrolle – und nichts anderes stellt das Internet dar. Sammy Nestico: The Gift of Music, Sammy Nestico Publishing, Carlsbad/USA, 209 Seiten, mit vielen Fotos Die Musikerlaufbahn Sammy Nesticos (geb. 6.2.1924 in Pittsburgh) begann wie die so vieler seiner Generation. Er spielte mit 13 Jahren im Anfängerorchester seiner High School Posaune und begeisterte sich für die großen Big Bands. Sein Vorbild war Tommy Dorsey, zu dessen Platten er zuhause mitspielte und dessen Solos er studierte. Mit 17 Jahren war er für kurze Zeit Mitglied der Billy Yates Band und dann des ABC Staff Orchesters (einer Radio Big Band). Sein Interesse am Arrangieren begann mit Sy Oliver als Vorbild. 1943 wurde er einberufen und kam 1945 zur 451st Army Band. Nach seiner Entlassung holte ihn 1946 Charlie Barnet in sein Orchester, der es im gleichen Jahr auflöste, nach Kalifornien ging und ein neues Ensemble gründete. Er bot Sammy Nestico an, mit zu kommen, aber dieser lehnte ab (was er später sehr bedauerte) und begann stattdessen in Pittsburgh an der Duquesne University Musikpädagogik zu studieren, spielte aber daneben auch noch so viel wie möglich. Nach dem Abschluss seines Studiums unterrichtete er zunächst an einer High School. Dann aber nahm er eine Stelle als Arrangeur des neugegründeten US Air Force Glenn Miller Orchesters in Washington an (später umbenannt in Airmen Of Note). 1954 wurde er Leiter des Ensembles, mit dem er 1955 eine Tournee durch Nordafrika und einige europäische Länder machte. 1956 arbeitete er wieder als Arrangeur, nicht nur für diese Big Band, sondern auch für ein Symphonieorchester und ein Studioorchester. 1963 wurde er Chefarrangeur der US Marine Band und daneben Leiter eines kleineren Ensembles, das bei vielen Empfängen im Weißen Haus während der Präsidentschaft von John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson auftrat. 1967 kam es zu einer Begegnung mit Count Basie, herbeigeführt von Sal Nistico (seinem Cousin) und Grover Mitchell. Basie schlug ihm vor, ein Arrangement zu schicken. Sammy Nestico schickte zwei – und ein paar Monate später kam mitten in der Nacht ein Anruf von Grover Mitchell: „Write more – the Chief likes them!“ Und so wurde Sammy Nestico mit einem Mal der Hauptarrangeur einer der größten Big Bands der Jazzgeschichte. Dabei war er kein Innovator wie etwa Gil
Evans, aber er verstand es meisterhaft, mit dem bisher erarbeiteten Material
umzugehen, dabei Swing und Bop elegant überbrückend. Viele
seiner Stücke gelten inzwischen als Klassiker. Dazu verhalfen ihm
ein großes melodisches und harmonisches Gespür und ein hoch
entwickelter Sinn für den Aufbau und die Überlagerung rhythmischer
Strukturen.Er beherrschte auch die schwierige Kunst der Themenkomposition.
Und seine Arrangements sind nie überladen. Dazu kommt noch, dass
er auch imstande war, einfachere Titel für Schul-Big Bands zu schreiben,
die aber nichts von seinen Qualitäten vermissen lassen. 1968 schied Sammy Nestico aus dem Militärdienst aus und zog nach Kalifornien. Neben seiner Arbeit für Basie (10 LPs bis zu Basies Tod 1984) arbeitete er für Plattenfirmen (allein 63 Alben zusammen mit Billy May für CAPITOL), Film- und Fernsehproduktionen. Er erzählt davon - und von vielem mehr – in seinem Buch mit viel Esprit und Humor. Welch ein Glücksfall für die SWR Big Band, dass er 2004 ihrer Einladung folgte und in Stuttgart die CD „No time like the present“ aufnahm, ein Jahr später „BasieCally Sammy“ und 2008 noch “Fun Time”. Er lobt das Orchester sehr und nennt insbesondere Marc Godfroid und Klaus Graf – sie dürfen stolz darauf sein. Joe Viera |
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