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2000/09
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Story Seite 9 |
Art Baroque Neue Jazzreihe in Neuburg Keine Epoche der europäischen Kulturgeschichte ist von so vielen Widersprüchen geprägt wie das Zeitalter des Barock. Und doch gab es durch die Synthese der unterschiedlichen Elemente kaum je einen dichteren Zusammenhang von Literatur, Malerei und Musik. Hatten Humanismus und Renaissance den Blick auf das Diesseits gelenkt und ein säkularisiertes Weltbild entworfen, so veränderte der Barock wieder die Perspektive. Alles Irdische wurde wegen seiner fehlenden Dauerhaftigkeit zum Objekt des gesteigerten Interesses, ja der Begierde. Lebensfreude und Todesbangen, Weltgenuss und Jenseitssehnsucht: Das gesamte Kulturgefüge bewegt sich seither in diesem Spannungsfeld der Gegensätze und Paradoxien. Ein Faszinosum, dem Art Baroque, die neue Veranstaltungsreihe der Neuburger Barockkonzerte, nachspüren will. Mit der in diesem Jahr stattfindenden 53. Auflage der weit über die Grenzen der Ottheinrichstadt hinaus bekannten Konzertreihe soll erstmals auch der Versuch unternommen werden, Barock als zeitlosen und allgegenwärtigen Impuls darzustellen, der seine Spuren selbst dort hinterlässt, wo man sie am wenigsten vermuten würde. Neue Musik, Blues, ja selbst Pop leben inzwischen von der ständigen Antithese, der Gegenüberstellung von prallem Leben und düsterer Grabesthematik, Witz und Wehmut, Optimismus und Resignation. Den Anfang in der Reihe der Schnittstellen und Berührungen macht jedoch wie könnte es in Neuburg auch anders sein der Jazz. Die Barockkonzerte hätten sich vermutlich kaum ein passenderes uvre für ihre neue Veranstaltungsreihe wünschen können, als das Konzert des italienischen Pianisten Enrico Pieranunzi am Donnerstag, 21. September um 20.30 Uhr im Birdland Jazzclub. Der 50-jährige Römer gilt aufgrund seines rhythmischen Reichtums, seiner geistreichen Improvisationen und seines gepflegten, klassisch geschulten Anschlages als die europäische Alternative zum großen amerikanischen Tastenromantiker Bill Evans. Gleichzeitig verkörpert Pieranunzi aber auch wie kein Zweiter die lebendige Brücke zwischen zwei konträren Musikstilen: dem Barock und dem Jazz. Lange Jahre belegte Italiens führender Jazzmusiker eine klassische Klavierprofessur am römischen Frosinone-Konservatorium. Bei Art Baroque will sich der gefeierte Musiker erstmals an einem faszinierenden grenzüberschreitenden Projekt versuchen. Den ersten Teil des Konzertes gestaltet er solo und ganz im Idiom des Barock mit Werken von Domenico Scarlatti (vier Sonaten), Johann Pachelbel (Aria mit Variationen in A-Dur, Choral mit Variationen in G-Dur Werde munter mein Gemüt), Domenico Zipoli (Preludio, Corrente, Sarabande) sowie Johann Sebastian Bach (u.a. Das wohltemperierte Klavier, Teil I). Den zweiten widmet er mit seinem Trio den schillernden Facetten des Jazz. Dabei wird Pieranunzi ein ganz bestimmtes Thema in beiden musikalischen Welten ansiedeln, um aufzuzeigen, dass unter der dogmatischen Oberfläche jede Menge Querverbindungen verborgen liegen. Zu einer weiteren hochinteressanten Begegnung kommt es am Freitag, 22., und Samstag, 23. September, wenn Musiker der Freiburger Barock-Solisten im Anschluss an die Konzerte im benachbarten Kongregationssaal (ca. 22.30 Uhr) auf der Bühne des Birdland-Kellers unter der Hofapotheke eine Zugabe der besonderen Art geben. Dort treffen sie auf das Trio des aufstrebenden Pianisten Claus Raible, der zusammen mit dem Bassisten Paulo Cardoso und dem Drummer Mario Gonzi den Sockel für eine hoffentlich spannende Jam-Session liefert. Reinhard Köchl |
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