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Inhaltsverzeichnis Jazzzeitung 7/2000

2000/09

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Berichte

Seite 4

Drei Nächte in Montreux

Auf Stippvisite beim Klassiker unter Europas Jazzfestivals

Er füllte zwar nicht das Audito rium Stravinsky wie seine Kollegen John McLaughlin oder Jeff Beck vor zwei Jahren. Doch nach dem Eindruck, den der vietnamesische Gitarrist Nguyên Lê in der Miles-Davis-Halle hinterließ, ist das nur noch eine Frage der Zeit. Zusammen mit dem französischen Bassisten Renaud Garcia-Fons und dem spanischen Schlagzeuger Tino DiGeraldo brannte Lê ein Jazzrock-Feuerwerk ab, das an Explosivität und Farbenreichtum seinesgleichen sucht. Nguyên Lês Stärke liegt in der Fähigkeit zum Kontrast, die zarteste Melodie wechselte sich mit heftigsten Rockeruptionen ab. Phänomenal auch Bassist Garcia-Fons, der auf seinem Kontrabass Rock-Patterns, Sitar-Sound und Flamenco-Skalen beliebig intonierte. Der Gastauftritt der vietnamesischen Sängerin Huong Thanh fügte sich nicht besonders schlüssig ins Triokonzept. Dennoch gewann die Sängerin ihre Zuhörer durch ihre charmante Art und machte neugierig auf die hierzulande noch relativ unbekannte Musik Vietnams.

Das Nguyên-Lê-Trio war der Höhepunkt der vom CD-Label ACT gestalteten „World Jazz Night”. Vor dem Trio des Vietnamesen zeigte eine Art „Trio infernale”, bestehend aus dem Pianisten Jens Thomas sowie dem Trompeter Paolu Fresu und Antonello Salis, was passiert, wenn man Ennio Morricones Filmmusik mit Freejazzelementen anreichert. Die Klänge und Motive durchdringen sich in atemberaubender Geschwindigkeit und brauchen somit die Filmbilder nicht mehr: Sie sind selbst schon aufregend genug. Dem dritten ACT-Künstler des Abends, dem Kora-Spieler Soriba Kouyaté fiel die Aufgabe zu, Jazz mit ethnischer Musik zu verschmelzen. Doch die Kombination von afrikanischer Harfe, von Kouyaté hauptsächlich mit den beiden Daumen virtuos gespielt, mit „traditionellen” Instrumenten wie Trompete, E-Bass und Drumset blieb seltsam farblos.

Zwei Tage später beim Konzertabend des Verve-Labels: Aufwallende Emotionen im Auditorium Stravinsky als Diana Krall die Bühne betritt. Ihrer Präsenz kann sich keiner entziehen. Noch einen Tag zuvor hatte hier das Publikum bei Keith Jarretts großer Kunst der Standard-Variation den Atem angehalten und hatte hinaufgeschaut zum unnahbaren Maestro. Diana Krall dagegen bot Standards in der ihr eigenen, sinnlich-spröden Art. Ihre Stimme: wie sie selbst eine herbe Schönheit; ihr Klavierspiel: kein bisschen Show, sondern echte Meisterschaft. Die Kunst der Krall: eine stilisierte Form des Barjazz, die dem Publikum förmlich unter die Haut zu gehen schien. Die seltsame Sitzordnung erinnerte an eine Hotelband. Dan Faehnle (g), Ben Wolfe (b), Shannon Powell (dr) saßen im Rücken der Pianistin Krall, was sie immer wieder zwang, sich zur Abstimmung mit den Musikern umzudrehen. Ursache des rätselhaften Geschehens war ein Gast, der sich nun auf den freien Stuhl vor dem Quartett setzte, seine Gitarre einstöpselte und somit der ganzen Anordnung Sinn gab. Es war George Benson, der ursprünglich nur den zweiten Part des Abends mit seiner Souljazzformation gestalten sollte. Wahrscheinlich war er ebenso der Anziehungskraft der Krall erlegen wie die Zuhörer. Es folgte ein spielfreudiger Streifzug durch die Jazzliteratur mit Nummern von Cole Porter, Horace Silver und anderen: Das war spannender als die später folgende Show der George Benson Group, die ihren bekannten Schmuse-Soul-Funk-Jazz darbot – den allerdings in höchster Vollendung, wie man das schließlich von Benson gewohnt ist.

Während Diana Krall ein Publikum bediente, das Jazz in erster Linie emotional anhört, hatte Keith Jarrett tags zuvor mit seinem Trio die Hörerschaft mit nicht so leicht zugänglicher Musik herausgefordert. Das Wagnis war gelungen, Jarrett hatte zu recht darauf spekuliert, in Montreux ein Kennerpublikum vorzufinden, das zum Teil von weit her angereist war, um sein Idol an einem von nur vier Konzerten, die Jarrett diesen Sommer in Europa gab, zu erleben. Dominierte bei Diana Krall die Emotionalität, so überzeugten Jarrett, Jack DeJohnette und Gary Peacock bei ihren Darbietungen durch Raffinesse. Interaction – ein mit dem Lehnwort Interaktion nur unzureichend übersetzter Terminus: Das war es, was das Trio auf höchstem Niveau zelebrierte. Keith Jarrett spielte inspiriert und konzentriert, entließ auch das Publikum nicht in die Pause, sondern setzte an die große Improvisation des Beginns unmittelbar eine schnelle Folge von Standards. Auch in diesem Teil des Abends war die für Jarrett typische pianistische Klangrede in höchster Vollkommenheit zu erleben. Während Peacocks Anteil sich ins Gesamtbild nahtlos einfügte, spielte sich DeJohnette immer freier und war neben Jarrett der zweite Solist des Abends: Was spräche eigentlich gegen ein experimenteller agierendes Duo Jarrett/DeJohnette?

Andreas Kolb

 

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