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2000/09
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Play Back Seite 20 |
Die Kunst des Solokonzerts Vor 25 Jahren erschien The Köln Concert Es mindert den Wert dieser Auf nahme durchaus nicht, dass sie (als Plattenalbum) lange Zeit aus keinem besseren Haushalt wegzudenken war; mittlerweile dürfte sie drei Millionen mal über den Ladentisch gegangen sein. Dabei war dies gemessen an dem, was Keith Jarrett in diesem Genre insgesamt geleistet hat weder sein interessantestes noch sein typischstes Solokonzert. Nur ist die bruchlos wirkende Zielstrebigkeit wie die Fülle sofort eingängigen Wohllauts, die es verbreitet, für den vom Jazz ansonsten unbeleckten Hörer besonders attraktiv: Das vollständig improvisierte Köln Concert wirkt anders als die früher veröffentlichte Drei-Platten-Kassette Bremen-Lausanne tatsächlich ein wenig so, als wäre es vorab auskomponiert. Nicht umsonst ist sogar eine notengetreue Transkription davon erschienen. Keith Jarrett selbst nach einem schweren Nervenleiden, das ihn zu quälender Untätigkeit verurteilt hatte, gerade auf dem Wege der Besserung bleibt auch drei Jahrzehnte nach Beginn seiner sporadischen Konzerttätigkeit als Solokünstler einer der kontroversesten Musiker unserer Zeit. Seine Risikofreudigkeit hält ihn interessant: Vorab kann niemand erahnen, ob er diesmal abstürzen oder triumphieren wird. Seine Karriere bewegte sich zwischen den Extremen der Selbstüberschätzung bis hin zum Narzissmus (Live At The Blue Note) und der Selbstverleugnung bis hin zur Selbstaufgabe (seine Nicht-Interpretationen Bachs). In diesem Spannungsfeld sind auch die Solokonzerte anzusiedeln: Es braucht zum einen gesundes Selbstbewusstsein, um völlig unvorbereitet, ja musikalisch nackt wie ein Neugeborenes auf eine (bis auf den Flügel) leere Bühne zu kommen; es erfordert zum anderen einige Selbstlosigkeit, um sich zum bloßen Transportmittel der Emotionen und Schwingungen zu machen, die am jeweiligen Abend vom Instrument, dem Raum und den Anwesenden ausgehen. Der erste Ton oder Akkord des jeweiligen Abends zieht alle auf ihn folgenden fast zwingend nach sich. Jarrett weiß nur zu genau: Der wahre Quell der Musik ist das Unbewusste, Irrationale denn bewusste, rationale Prozesse könnten nur das schon einmal Erklungene abrufen wie aus einem Zitatenlexikon. Über die meditative Versenkung oder die ekstatische Hingabe, zwei Wege zum selben Ziel , versucht Jarrett, die noch unhörbare Musik gleichsam intuitiv zu erspüren, um sie mittels seiner Fingerspitzen, die auf den Tasten tanzen, in hörbare zu verwandeln was sich zuweilen in den berüchtigten, mit Stimm- und Körpereinsatz unterstützten Geburtswehen äußert. Wenn aber die Inspiration fließt und es ihm gelingt, zu einer Art Weltempfänger zu mutieren, der seine Spieltechnik, seine Erfahrung und sein Formbewusstsein diesem Entstehungsprozess zur Verfügung stellt, können Sternstunden sich ereignen wie die im Januar 1975 in Köln, wo Jarrett über die Materie triumphierte, die sich in Gestalt eines minderwertigen Pianos scheinbar gegen ihn verschworen hatte. Das an sich Paradoxe eines Live-Mitschnitts allerdings wurde auch noch selten so deutlich: Er macht das Einmalige, Unwiederbringliche unbegrenzt wiederholbar und sei es schlimmstenfalls beim Hausputz. Jarrett selbst (und wer könnte ihm das verdenken?) hat einmal von einem Tonträger geträumt, der sich nach einmaligem Abspielen selbst vernichtet wenn auch nur zu dem Zweck, die Menschen dies eine Mal wirklich zum Zuhören zu bewegen. Mátyás Kiss Plattentipp
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