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2000/09
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Dossier Seite 23 |
Bayernjazz in China Konzertreise
der Lehrer Big Band Bayern nach Peking und Shanghai Ihr erstes Konzert in China verschlief die Lehrer-Big-Band Bayern. In München, im Airport Hotel. Schuld waren allerdings nicht die 32 Lehrerinnen und Lehrer an allgemein bildenden Schulen aus ganz Bayern oder ihr Leiter Professor Joe Viera, sondern ein Defekt am Flugzeug. Auch eine große Reise beginnt mit einem kleinen Schritt, wie der Chinese sagt. Ein Tross von Familienangehörigen, Freunden und Bekannten begleitete die Band. Angesichts der vielen Mitreisenden wurde später, etwa bei den gemeinsamen Essen in China, die Bedeutung eines vertrauten Sprichwortes noch deutlicher: Abwarten und Tee trinken. Der Abflug mit mehr als 24 Stunden Verspätung führte zur Absage geplanter Auftritte und sorgte an der Jiao Tong Universität von Shanghai für Verstimmung. Den Bandmitgliedern blieb noch weniger Zeit zum Besichtigen, als geplant. Dank hervorragender Organisation durch China-Reisen in München konnte das dicht gedrängte Programm ansonsten aber voll durchgeführt werden. Und die nun 13-tägige Tournee, die in den Pfingstferien mit der finanziellen Unterstützung des Deutschen Musikrates stattfand, wurde trotz allem nicht nur musikalisch ein voller Erfolg. Zwölf große Konzerte wurden von der gesamten Bigband gespielt. Darunter eines dicht umlagert in der neuen Fußgängerzone von Shanghai und eines unterhalb der Großen Chinesischen Mauer nördlich von Peking. Dazu kamen Auftritte in Combobesetzung in Jazz-Clubs in Shanghai und Peking und im dortigen Crowne Plaza Hotel. Abschied von Südostchina war mit einem Auftritt der Bigband im Hotelpark gefeiert worden, das von einem beeindruckenden Feuerwerk gekrönt wurde.
Nach der Landung in Shanghai ging es vom Flughafen sofort in die Jugendstil-Konzerthalle in der Innenstadt, wo gerade noch Zeit zum Umziehen und Aufbauen blieb. Dieses erste Konzert war zuerst von beiderseitiger Unsicherheit bei den Musikern und beim Publikum geprägt. Als dann aber die Sängerin Dagmar Richter anhub, gab es den ersten spontanen Applaus und das Eis war gebrochen. Kommentar eines Musikers: Bei den Konzerten waren die Leute sehr wissbegierig, haben einem die Prospekte fast aus der Hand gerissen und wollten etwas über die Instrumente wissen. Es war schon beim ersten Konzert das Interessante, dass die Leute ganz anders reagiert haben, gar nicht erkannten, wann die Stücke zu Ende waren und vorher schon reinklatschten oder wenn das Tempo eingeklatscht wurde, das als Aufforderung zum Beifall empfanden. Auch bei den folgenden Konzerten zeigte sich, dass das chinesische Publikum am ehesten über die Gesangsnummern Zugang zu der für sie im Allgemeinen fremden Jazzmusik fand. Haben doch viele Chinesen die Meinung, dass Gesang die eigentliche Musik ist. Da sie sich aber auch für Artistik begeistern und gerne lachen, konnten die Schlagzeuger am leichtesten weitere Pluspunkte für die Jazzband sammeln. Besonders Roland Günther beeindruckte mit seiner Solonummer Some Bars For Max, die er nur auf dem Hi-Hat am Bühnenrand zelebrierte. Mit dieser Erfahrung wurden die Schlagzeugsoli im Laufe der Reise immer mehr ausgebaut und mit immer neuen witzigen Gags wie Trommeln auf dem harten Strohhut und allen möglichen anderen Utensilien, die von den Mitmusikern gereicht wurden, und dem als Hut aufgesetzten Becken angereichert. Scheinbar unfreiwillig entglittene Schlagzeugstöcke entlockten den Zuhörern ein halb enttäuschtes, halb mitleidiges Aufstöhnen, wurden aber schnell durch in Kellnermanier aufgetragene Essstäbchen ersetzt. Alles zur Freude und Begeisterung des alten und jungen Publikums und zur Bewunderung ob der dargebotenen (musikalischen) Artistik. Und schließlich saßen nicht nur einige wenige Kenner fußwippend im Publikum, sondern der Band gelang es, auch andere dazu zu bringen, sich rhythmisch mitzubewegen. Auch einen Provinz-Kultusminister oder den deutschen Konsul von Shanghai. Da hat man gemerkt, der Puls ist da und Jazz ist etwas Internationales, das verstanden wird. Im Laufe der Reise wuchs die Band spür- und hörbar zusammen und konnte sich immer mehr steigern. So gerieten der Auftritt an der Akademie für Lehrerfortbildung in der nahe Shanghai gelegenen Millionenstadt Hangzhou, der Jazz-Brunch im Paulaner Bräuhaus und das Zeltkonzert beim Sommerfest der Deutsch-Französischen Schule, beide in Shanghai, zu den Höhepunkten der Tournee. Für Joe Viera war das letztere Konzert sogar der beste von allen bisher knapp 80 Auftritten der seit 1993 bestehenden Lehrer-Big-Band. Unter seiner Leitung bewährten sich alle Amateurmusiker als sichere und präzise Satzspieler, überzeugten aber auch als hörenswerte Improvisatoren. Zwischen der Akademie in Hangzhou und der entsprechenden bayerischen Einrichtung in Dillingen hat sich übrigens der Kontakt zwischen Bayern und China ergeben, der weiter gepflegt werden soll. Die Früchte der Tournee werden auf CD konserviert. Sie soll noch vor Weihnachten erscheinen und den Titel Shanghai Blues tragen. Das Titelstück wurde von Joe Viera eigens für die Tournee geschrieben. Godehard Lutz
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